No 1 (1) Juli 2014 JÜDISCHE RUNDSCHAU/ Thema: Der Mythos von der «zivilen V2»

Wernher von Braun fliegt immer noch hoch in Vorpommern und bei der Deutschen Luft- und Raumfahrtgesellschaft
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von Katharina Schmidt

Während Historiker sich einig sind, dass der ehemalige SS-Sturmbannführer Wernher von Braun als leitender Tüftler der Langstreckenrakete «V2» der Nazis persönlich Verantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern zu tragen hatte, wird er noch immer in Ehren gehalten und als Raumfahrpionier gefeiert. Die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie vergibt Wernher-von-Braun-Preise, Bundespolitiker wie Alexander Dobrindt (CSU) unterstützen entsprechende Konferenzen und Landespolitiker wie Mathias Brotkorb (SPD, Schwerin) verschließen beide Augen wenn im landeseigenen «Historisch-Technischen Museum Peenemünde» mit Hilfe revisonistischer Vereine Propaganda für ehemalige Nazi-Ingenieure und ihre technischen Leistungen betrieben wird. Es gibt allerdings auch einen positiven Trend: Wernher-von-Braun Schulen und Straßen werden endlich umbenannt, zuletzt in Hessen und Bayern.

Die Bewertung der Mittäterschaft im Nationalsozialismus bleibt bis heute in Deutschland gesellschaftlich umstritten. Auf der einen Seite erleichtert das Sterben der Täter deren Nachkommen einen kritischen Umgang, denn es wird unpersönlicher: Der eigene Opa muss nicht mehr zu seiner Rolle befragt und möglicherweise verurteilt werden. Auf der anderen Seite fehlen mehr und mehr die Stimmen der Zeitzeugen, die zu Opfern des nationalsozialistischen Terrors wurden. Vielen fällt es noch immer schwer, den Nationalsozialismus in seiner Gesamtheit als totalitäres, verbrecherisches System zu erkennen. Deutlich wird dies an der Diskussion um Wernher von Braun und anderen Ingenieure, die an der Entwicklung von Waffen für die Nationalsozialisten beteiligt waren.

Von Braun wurde 1936 unter dem späteren Kommandanten der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, Walter Dornberger, dessen technischer Leiter. Bis Kriegsende baute er an einem der vielen militärischen Großprojekte der Nazis, die sich durch Größenwahn, Irrsinn und vor allem durch ihre desaströsen Auswirkungen auszeichneten. Etwa 60.000 Menschen arbeiteten an Raketen, die sich aufgrund ihrer Zielungenauigkeit nicht für den Beschuss von militärischen Zielen eigneten, sondern von Anfang an als Terrorwaffen gegen die Zivilbevölkerung in Großstädten konzipiert waren. Desaströs waren die Waffen aber schon in der Produktion, weil von den 60.000 Arbeitern die allermeisten Zwangsarbeiter und KZ Häftlinge waren, von denen etwa 20.000 aufgrund der furchtbaren Arbeitsbedingungen starben beziehungsweise ermordet wurden. Hinzu kamen durch den Einsatz der Raketen etwa 8.000 tote Zivilisten in London und Antwerpen. Möglichst viele Zivilisten sollten noch in den letzten beiden Kriegs- jahren zur «Vergeltung» getötet werden. Auch hier wird der NS-Wahn deutlich. Bis heute ist die Rakete als «V2» – V für Vergeltung – bekannt. Unübersehbar ist, in welcher Ideologie die Waf- fenproduktion stand. Die Ingenieure arbeiteten in Peenemünde und im Harz fieberhaft für den «Endsieg» – bis kurz vor Kriegsende. Die letzte V2 fiel am 27. März 1945 auf London.

Wernher von Braun war nicht nur in leitender Funktion an diesen Verbrechen beteiligt, ihm konnte auch nachgewiesen werden, dass er persönlich für den Einsatz von Zwangsarbeitern verantwortlich war, einzelne Zwangsarbeiter aussuchte und dass er die höllischen Arbeitsverhältnisse in der Massenproduktion billigte, welche ab Ende 1943 aufgrund der Angriffe der Alliierten in unterirdischen Stollen im Harz stattfand. Wahrlich, so sollte man meinen, kann man an dieser Geschichte Peenemündes nichts Positives finden. Es kam jedoch anders. Nach dem Krieg konnten von Braun und an- dere ihre Karrieren als Experten für Langstreckenraketen fortsetzen. Von Braun avancierte später sogar zum Fachmann und Lobbyisten der Weltraumforschung und leitete erfolgreich das Saturn V Programm der NASA, der Trägerrakete für die Apollo.

Dass sich von Braun, Dornberger, und andere nicht als Kriesgverbrecher zu verantworten hatten, hatte drei Gründe. Erstens verstanden sie es, ihr Fachwissen für die Entwicklung von Langstreckenraketen im beginnenden kalten Krieg zu verkaufen. Zweitens verschwiegen sie ihre Verantwortung für den Einsatz von Zwangs- arbeitern. Dornberger leugnete sogar, dass es in Peenemünde jemals KZ-Häftlinge gegeben hatte. Drittens strickten sie an der Legende, in Peenemünde habe man eigentlich Forschung für die Weltraumfahrt betrieben und die Massen- produktion der V2 im Harz sei organisatorisch völlig unabhängig gewesen.

Am bekanntesten sind Dornbergers in zahlreichen Auflagen veröffentlichte Memoiren «V 2 – Der Schuss ins Weltall». «Eine Mischung aus Fiktion und Realität,» wie Rainer Eisfeld schreibt,* der sich seit Jahren kritisch mit der Geschichte Peenemündes befasst. Er betont, dass die Ingenieure bereits seit ihrer Internierung und Befragung durch die Amerikaner 1945 an dieser Legendenbildung arbeiteten. Auch wenn die Nazis in Peenemünde selbstverständlich keine Reichsmark für die Weltraumforschung ausgaben, so berufen sich Anhänger dieser Mythen darauf, dass einige Ingenieure vor und nach ihrer Zeit in Peenemünde an der Entwicklung von zivil nutzbaren Raketen beteiligt waren und dass die V2 tatsächlich eine beträchtliche Höhe erreichte. In einem Teststart am 3. Oktober 1942 schoss die Rakete etwa 85 Kilometern hoch, fast bis zum Weltall (100 km).

Immer wieder gibt es Versuche, weiter an diesen Mythen zu stricken. Besonders dreist war die Idee der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt e.V. (DGLR) und des Bundesverbandes der Deutschen Luftfahrt-, Raumfahrt- und Ausrüstungsindustrie (BDLI) in den 1990er Jahren, wie sich Bernhard Hoppe erinnert.* Der 50. Jahrestag des ersten erfolgreichen Raketenstarts sollte in Peenemünde als «die Geburtsstunde der Raumfahrt» gefeiert werden. Daraus wurde nach internationalen Protesten nichts und der maßgebliche Unterstützer, Staatssekretär Erich Riedl (CSU), musste von seiner Schirmherrschaft zurücktreten und wurde später entlassen. Die DGLR sieht aber offenbar bis heute nicht ein, warum sie ihre Position überdenken sollte und vergibt munter weiter Wernher-von-Braun-Preise für Forscherteams.

Während sich bei der CSU Ludwig Spaenle für die Umbenennung von Schulen ausgesprochen hat, die Namen von ehemaligen Nazis tragen und von Braun untrennbar mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden sieht, unterstützt Minister Dobrindt, ebenfalls CSU, den noch von Oberth und von Braun gegründeten „Internationaler Förderkreis für Raumfahrt Hermann Oberth – Wernher von Braun (IFR).“ Er ist Schirmherr dessen Tagung am 19. Juli in Garmisch-Partenkirchen. Führende Raumfahrtwissenschaftler werden sich versammeln, Ehrungen verteilen, und dem Direktor des Deutschen Historischen Museums in München, Wolfgang M. Heckel, lauschen.
Literatur im HTM 22. Juli 2014 1
Sein ehemaliger Mitarbeiter, Philipp Aumann, arbeitet jetzt als neuer Kurator des Historisch-Technischen Museums Peenemünde. Dort kooperiert man indirekt mit dem „Förderverein Technikmuseum Wernher von Braun,“ der Führungen vom Museum zum ehemaligen V2 Prüfstand anbietet und ganz offiziell mit dem „Förderverein Peenemünde,“ der ehemalige Nazi-Ingenieure ehrt und in seinen Reihen hat, unter anderem Botho Stüwe, der die Invasion Polens bei einer Jugendbegegnung als „Selbstverteidigung“ rechtfertigte. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Museums, Staatssekretär Sebastian Schröder im Ministerium Brotkorbs (SPD) in Schwerin, sieht über die Kooperationen des Museums mit diesen dubiosen Vereinen geflissentlich hinweg und kritische Nachfragen bleiben unbeantwortet. Im Museumsshop in Peenemünde liegt die Propagandaliteratur von Dornberger und anderen Nazi-Ingenieuren aus (s. Bild). Statt einer Perspektive der tausenden Opfer wird der Perspektive der Täter Raum gegeben.

Für den 13. Oktober 2014 hat das „Deutsch-Polnische Kulturforum Odermündung“ hingegen eine Gedenkveranstaltung in Peenemünde für die 650 KZ-Häftlinge angekündigt, die an diesem Tag vor 71 Jahren von der Produktionsstätte in Peenemünde nach Mittelbau-Dora verschleppt wurden. Der französische Dora-Überlebende, Louis Garnier, wird, falls seine Gesundheit es zulässt, dort mit deutschen und polnischen Jugendlichen sprechen. In Polen ist Peenemünde vielen ein Begriff, nicht nur weil die Mehrheit der Zwangsarbeiter in Peenemünde Polen waren, sondern auch weil die Polnische Heimatarmee den Alliierten entscheidende Informationen zur V2 liefern konnte.

Jean-Pierre Thiercelin, Sprecher der Commission Dora-Ellrich, betont: „Das System der Konzentrationslager war untrennbar verbunden mit der deutschen Industrie und Forschung. Größere Industrieansiedlungen waren gepaart mit Lagern und Kommandos. Dora war gleichzeitig Lager und Fabrik, ähnlich wie Buna-Auschwitz. In Österreich diente die Zipfer Brauerei, in der von Braun gerne seinen Durst löschte, der Tarnung eines Lagers und einer V2-Prüfanlage. Peenemünde war keine Ausnahme. Auch dort gab es Konzentrationslager und Zwangsarbeit. Peenemünde kann man sogar als Kopf der Krake ansehen und Dora als eine der größten Tentakeln einer Reihe von entsprechenden Kommandos.“

Im Peenemünder Museum wird dieser Zusammenhang nicht erkannt. Dort ist immer noch von einer „Ambivalenz“ die Rede, wie Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, kritisiert.* Man darf daher gespannt sein auf die Diskussion am 1. August im Museum. Dann wird M. Thiercelin anlässlich der temporären Ausstellung „Orte unserer Einsamkeit“ das Bild von Peenemünde diskutieren.

* Zu finden im kürzlich erschienenen Sammelband „Raketen und Zwangsarbeit in Peenemünde – Die Verantwortung der Erinnerung,“ hg. von Günther Jikeli, Friedrich-Ebert-Stiftung 2014, 358 S., 60 Abb., 5 EUR, direkt bestellbar bei der Friedrich-Ebert-Stiftung Schwerin: Tel.: 0385-51 25 96.